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Foto © Kreishandwerkerschaft Hanau
Foto © Kreishandwerkerschaft Hanau

Schreiner Heinrich Schäfer hat mit seinen Söhnen Horst und Günter jetzt das 70-jährige Bestehen des Betriebes gefeiert

(Bruchköbel/pm) - Schreinermeister Heinrich Schäfer hat jetzt gemeinsam mit seinen Söhnen Horst und Günter sowie  zahlreichen Kollegen aus der Tischler-Innung Hanau den 70. Geburtstag  seines Betriebes gefeiert. Zu den Gratulanten zählten unter anderem der Obermeister der Tischler-Innung Hanau, Stefan Hötzel, Ehrenobermeister Dietrich Brüggemann, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hanau, Axel Hilfenhaus und Landesinnungsmeister Wolfgang Kramwinkel.

Die Arbeit mit Holz hat das Leben von Firmengründer Heinrich Schäfer geprägt, in den Wirren des Zweiten Weltkriegs vielleicht sogar gerettet. Es war kurz nach der Währungsreform, als Schäfer sich selbstständig machte. Noch immer geht der mittlerweile 95-Jährige tagtäglich in seine Werkstatt, die seit einigen Jahren von seinen Söhnen geführt wird.

Wo soll man die Geschichte beginnen über ein Leben, das voller Geschichten ist, die es eigentlich alle verdient hätten, erzählt zu werden? Vielleicht im Jahr 1938, als er als 15-Jähriger eine Lehre im Bruchköbeler Schreiner-Betrieb Fliedner begann? Oder nach der Währungsreform, als Heinrich Schäfer das gesamte Kopfgeld, 280 D-Mark für Vater, Geschwister und ihn selbst, in Holz investierte, um damit die Produktion von Küchenschränken zu beginnen?

Nein, in seiner Geschichte muss man viel früher beginnen. Bei seinem Urgroßvater und seinem Großvater, die beide schon Schreiner waren. Und bei seinem Vater, einem Landwirt, der eigentlich gar nicht wollte, dass der kleine Heinrich in die Fußstapfen des Großvaters trat. In dessen Werkstatt verbrachte Heinrich Schäfer seine Kindheit. Sein erstes Spielzeug war die Laubsäge. „Mir war von klein auf klar, dass ich niemals was anderes werden wollte als Schreiner“, sagt er.

Sein Einstieg in den Beruf war holprig: Der Meister in Bruchköbel wollte ihn eigentlich nicht nehmen, weil er mit einem anderen Oberissigheimer schlechte Erfahrung gemacht hatte. Und auch das erste Lehrjahr war für den Knirps nicht das sprichwörtliche Herrenjahr. Statt dem geliebten Hobel musste er fast ausschließlich den Griff des Handkarren in die Hand nehmen, mit dem er die von den Kollegen fabrizierten Türen und Schränke zu Fuß auslieferte. Mitunter bis nach Großkrotzenburg. Der junge Stift nahm es mit Geduld und übte sich als aufmerksamer Beobachter. „Man lernte ja mit den Augen.“ Seine Position im Betrieb änderte sich jedoch schlagartig, als sein Meister eher durch einen Zufall ein Aktenschränkchen zu Gesicht bekam, das Heinrich Schäfer nach Feierabend gebaut hatte. „Er sagte voller Bewunderung: Junge, das hast du doch nicht allein gebaut“, erinnert sich Schäfer schmunzelnd. Doch, das hatte er. Von da an bekam er Verantwortung und die für damalige Verhältnisse moderne große Werkstatt einen neuen Lehrling, der Heinrich Schäfers Transportdienste übernehmen musste. Der talentierte Handwerker baute fortan für die gehobene Hanauer Stadtgesellschaft komplette Schlafzimmer zusammen. Seine Lehrzeit wurde von dreieinhalb auf drei Jahre verkürzt, die Prüfungen bestand er allesamt mit der Note „sehr gut“.

Zum Abschluss der Ausbildung war Deutschland bereits zwei Jahre im Krieg. Statt in der Bruchköbeler Werkstatt musste Heinrich Schäfer seinen Dienst in den Gerhard-Fieseler-Werken in Kassel verrichten, wo für die Luftwaffe der sogenannte Fieseler Storch gebaut wurde, ein Propeller-Flugzeug, für das sein hochbeiniges, starres Fahrgestell charakteristisch war und das von der deutschen Luftwaffe vor allem als Verbindungs- und Sanitätsflugzeug eingesetzt wurde.

Die Nazis waren dem jungen Oberissigheimer schon als Junge zuwider. Sein regimekritischer Vater stand unter Beobachtung, sein Onkel, damals Bürgermeister von Wachenbuchen, wurde von heute auf Morgen an die Front geschickt, weil er sich geweigert hatte, Repressionsmaßnahmen gegen Juden durchzuführen.

Aus handwerklicher Sicht kam dem Schreiner die Kasseler Zeit in den Fieseler-Werken jedoch zugute. Innerhalb von drei Monaten schulten die Nazis ihn zum Schlosser. Zudem lernte er den Umgang mit wasserfestem Leim und andere Verfahren kennen, die ihm später noch von Nutzen sein sollten.

 Wenig später wurde er eingezogen und wegen seiner Erfahrung mit Flugzeugen dem Regiment Hermann Göring zugeteilt, dessen Rekruten im holländischen Utrecht ausgebildet wurden. Von dort ging es zunächst in die Bretagne, später nach Italien und von dort aus nach Tunis. Am 20. April 1943 wurde Schäfer bei einer völlig sinnlosen Offensive zu Ehren von Hitlers Geburtstag schwer verwundet und kam wenig später in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ein Glücksfall für den damals 20-Jährigen. Der Krieg war damit für ihn beendet. Aus Heinrich Schäfer wurde für drei lange Jahre der Prisoner of War (PoW) mit der Nummer 11193. Über die Stationen Algier und Glasgow erreichte er einige Wochen nach seiner Gefangennahme auf der berühmten „Queen Mary“ den Hafen von New York. „Den ersten Blick auf die Freiheitsstatue werde ich nie vergessen“, erzählt er. Die Odyssee endete in einem Lager für Kriegsgefangene in Dallas. Er erinnert sich an seine blutigen Hände vom Baumwollpflücken, an den quälenden Sonnenbrand, dem ihm die texanische Sonne zufügte und an die amerikanischen Bomber, die sie auf einem Salzsee bei New Mexiko im Auftrag der Armee verschrotten mussten. Aber auch an Fußballspiele und Theaterstücke, die die deutschen Kriegsgefangenen aufführten.

Alles in allem ging es ihm gut bei den Amerikanern, die ihn mit Respekt behandelten – und das nicht zuletzt wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten, die sich seine Bewacher zunutze zu machen wussten. Schäfer erzählt von einem Major, der ihn täglich mit Koteletts versorgte, weil er ihm mit primitivsten Mitteln eine Haustür nach deutschem Muster zimmerte, an denen der Amerikaner bei seinem Fronteinsatz in Deutschland Gefallen gefunden hatte. Seine vielseitige Verwertbarkeit rettete ihn wahrscheinlich auch vor einem Gefangenenaustausch, den die Amerikaner damals mit Frankreich betrieben und der für viele Kriegsgefangene, unter anderem für einen Roßdorfer Kameraden, zu einem Martyrium werden sollte. „In Frankreich mussten die Gefangenen unter schwierigsten Bedingungen unter Tage arbeiten“, erklärt Heinrich Schäfer.

Nach drei Jahren Gefangenschaft in den USA kehrte der Schreiner nach Oberissigheim zurück und machte sich kurz darauf selbständig.

Wer heute seine Werkstatt betritt, der findet überall Spuren seiner bewegten Geschichte. Auf der Frontseite hat der Schreiner Schiebefenster eingebaut. „Das ist Texas“, sagt er und schiebt das Glas behutsam nach oben. Die Wände sind so dünn, dass die Fenster ohne Stoß auskommen. „Das ist Holland“, ergänzt er schmunzelnd. Und auf dem Schrank liegen die alten Hobel, mit denen bereits sein Großvater schon das Holz bearbeitet hat. Die Beine der Böcke sind nicht aus Holz, sondern aus Eisen, dessen Bearbeitung er im Krieg lernte.

An seiner Werkstatt lässt sich auch die Entwicklung ablesen, die der Betrieb seit seiner Gründung genommen hat. Stück für Stück hat der Oberissgheimer sein Reich erweitert. Heute befindet sich darin ein immenser Maschinenpark, der nur von ihm selbst und seinen beiden Söhnen Horst und Günter bedient wird. Gesellen und Lehrlinge hat Schäfer nie beschäftigt. Die Firma sind er selbst, seine Söhne sowie seine Frau Gerda, die nicht nur die Bücher geführt, sondern auch beim Leimen und Kitten der Fenster geholfen hat.

Meisterbriefe

Heinrich Schäfer gehört bereits seit 1953 der Tischler-Innung Hanau innerhalb der Kreishandwerkerschaft an. Von 1964 bis 1990 war er deren Schriftführer und seit März vergangenen Jahres gehört er dem Kassenprüfungsausschuss an. Bereits 1998 bekam er den Titel des Altmeisters verliehen, 2003 wurde ihm zum 50-Jährigen die Urkunde zum Goldenen Meistertitel überreicht. ‧Schäfer, seit 54 Jahren Mitglied der CDU, saß in der Zeit von 1974 bis 1978 auch im Magistrat der Stadt Bruchköbel.