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Das Für und Wider beim Baugebiet Nordwest – Von Jürgen Dick

(Mittelbuchen/jgd) – Im Streit um das neue Wohnbaugebiet am nordwestlichen Rand von Mittelbuchen kommt es am 22. Mai zu einer Vorentscheidung: An diesem Abend nämlich liegt der Bebauungsplan in der Stadtverordnetenversammlung von Hanau zur Abstimmung vor. Stimmen ihm die Stadtverordneten zu, dann dürfte ein vorläufiger Schlusspunkt gesetzt sein hinter die zeitweise erbittert geführte Diskussion um das Wohnbaugebiet. Der Weg hin zu einer tieferen Feinplanung und dem Engagement des Investors Bien-Ries wäre dann frei.

Am letzten Mittwoch (16. Mai, nach unserem Redaktionsschluss) war in der Mehrzweckhalle in Mittelbuchen dazu eine weitere Bürgerversammlung eingerichtet worden. Der lange Entscheidungsweg hatte bereits im Juli 2016 seinen Anfang genommen, als die ersten Konzeptpläne im Mittelbuchener Ortsbeirat vorgestellt worden waren, und schon kurz danach das Hanauer Parlament seinen Aufstellungsbeschluss fasste – und so die Planungen in Gang setzte. Es folgten die für solche Vorhaben üblichen Schritte, darunter Bürgerinformations-Abende, Behördenbeteiligungen und zuletzt im Januar die öffentliche Auslegung der Pläne.

Stark verdichteter Wohnungsbau

Ab Anfang 2017 war dann aber die eigens von Bürgern gegründete Interessengemeinschaft Bauvorhaben Mittelbuchen Nord-West (IG) öffentlich aufgetreten. Sie meldete schwerste Bedenken gegen das Baugebiet an. Die IG rückte die von den Planern von Terramag und dem Bau-Investor Bien-Ries beabsichtigte, „stark verdichtete“ Bebauung im geplanten Neubaugebiet als einen Hauptkritikpunkt in den Vordergrund. Die Lage am nordwestlichen, äußeren Rand von Mittelbuchen lasse dort eine isolierte Siedlung entstehen, quasi einen abgekapselten Wohnbereich ohne Kontakt zur Infrastruktur des Ortskerns, so wurde argumentiert. Ein weiteres Argument gegen das Vorhaben war die befürchtete starke Zunahme des Verkehrs. Dieser solle über bereits vorhandene Straßen durch den gesamten, schon jetzt zu Stoßzeiten stark überlasteten Ort geleitet werden. Und die Art der Bebauung, zum Teil mit hohen Häuserzeilen im direkten Anschluss an ein bereits vorhandenes Gebiet mit eingeschossigen Flachdachbungalows, die spreche ebenfalls für schlechte Planung, so die Interessengemeinschaft.

In der Tat beabsichtigt die Firma Bien-Ries laut eigener Mitteilung auf rund 33.000 qm Grundstücksfläche -etwa fünf Fußballfeldern- den Bau von 122 Wohneinheiten. Geplant ist die Errichtung eines Mixes aus 33 Eigentumswohnungen, 81 Reihen- und Doppelhäusern und weiteren 8 Einfamilienhäusern. Auf dem Gelände soll somit eine dichte, verschachtelte Wohnanlage in Anlehnung an den Bauhaus-Stil geschaffen werden – die Platzausnutzung scheint dabei eines der obersten Gebote zu sein. Die entstehende Häuser-Silhouette werde geprägt sein von „vor- und zurückspringenden Kuben und begrünten Dachgärten“, so die Firma. Einige neue, freistehende Einfamilienhäuser am Feldrand würden die „mediterrane Dachlandschaft“ ergänzen und am Ende ein unkonventionelles Hauskonzept „mit Penthouse-Feeling“ bieten.

Extrem hohe Zahl von Einwendungen

Wohl nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten der Interessengemeinschaft waren zu dem Baugebiet ungewöhnlich viele Anregungen und Widersprüche eingegangen – weit über 250 Stellungnahmen, zu denen Fachgremien dann ihrerseits Stellung nahmen, und zum Teil auch Nachbesserungen vornehmen mussten. Darunter ein Punkt, auf den sich die Interessengemeinschaft in der letzten Zeit besonders konzentriert: Auf dem Areal wurde, nach Aussagen aus der IG, die letzte hessische Quellpopulation des selten gewordenen Feldhamsters entdeckt. Das Tier steht unter strengem Naturschutz, und die Stadt Hanau musste inzwischen mit dem Investor eine Regelung zur Finanzierung einer Ausgleichsfläche vereinbaren. Ob sich die Hamster einfach so umsiedeln lassen, wird letztlich nur im Nachhinein zu erkennen sein.

Politiker unter Zugzwang

Auffällig -eben gerade, weil nicht auffallend- war in den letzten Monaten die geringe Unterstützung aus den politischen Parteien für die Anliegen der IG Mittelbuchen-West. Das hat wohl mehrere Gründe. Erstens ist die Vorgehensweise der Stadt Hanau in formaler Hinsicht auf Klärung und Absicherung aller offenen Fragen bedacht gewesen. Mit dem Investor wurde sogar ausgehandelt, eine halbe Million Euro für den Bau eines neuen Kindergartens zu „spendieren“. Auch ist der Siedlungsdruck in das Rhein-Main-Gebiet stark gestiegen. Überall wird händeringend nach Bauflächen gesucht, gleichzeitig steigen die Baulandpreise stark an – was wiederum das Bestreben befeuert, den wenigen Baugrund bestmöglich auszunutzen. Stichworte wie „Nachverdichtung“ und „Schaffung erschwinglichen Wohnraums“ sind in aller Munde. Für lokale Politiker ist es in dieser Situation offensichtlich wenig attraktiv, sich den Ruf des „Bremsers“ bei der Realisierung von Baugebieten anzuhängen. Zumal der Verkauf von Bauland für die schuldengeplagten Kommunen nicht zuletzt auch finanziell attraktiv ist, und der Zuzug von Neubürgern wiederum die Steuereinnahmen verbessert.