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Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen bei ihrer Ansprache. Foto © J.Dick
Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen bei ihrer Ansprache. Foto © J.Dick

(Bruchköbel/jgd) – Politischer Großkampftag in Bruchköbel: Den alljährlichen Auftakt zu den Ostermärschen, immer am Karfreitag, erlebt Bruchköbel seit vielen Jahren bundesweit nahezu exklusiv. Während der folgenden Osterfeiertage finden dann die Märsche in vielen Städten im Bundesgebiet statt. In diesem Jahr umwehte die hiesige Veranstaltung, die wie immer auf dem Freien Platz abgehalten wurde, auch personell ein Hauch von großer Politik. Denn mit der Linke-Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen hatten die Organisatoren eine aus vielen Talkshows wohlbekannte Rednerin geladen.

Die Sprecherin enttäuschte ihre Anhängerschaft nicht, und traf mit einer kämpferischen und rhetorisch messerscharfen Rede den vermutlich erhofften Ton. Die Rednerin griff die derzeitigen Konflikte in und außerhalb Europas auf, und kritisierte insbesondere die aus Deutschland stattfindenden Waffenlieferungen an die Türkei. Deutsche Waffen würden bei den aktuellen Aktionen der türkischen Armee in Nordsyrien eine wichtige Rolle spielen, obwohl der türkische Einmarsch „völkerrechtswidrig“ sei. Insofern seien Waffenlieferungen nach dort nicht statthaft. Auch die aktuellen Beschuldigungen gegen Russland, welches in der internationalen Politik als Drahtzieher hinter den Giftanschlägen in England vermutet wird, sah Dagdelen kritisch. Russland sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts bewiesen worden. Also müsse man die Erkenntnisse erst einmal abwarten, statt nunmehr -wie Dagdelen es darstellte- im Gegenzug die Befestigung von Autobahnen und Brücken in Richtung Osten auf Tauglichkeit für Panzertransporte zu prüfen. Im Anschluss an Dagdelens Rede hoben Hilke Sauthof-Schäfer von der Gewerkschaft VerDi und Ingabritt Bossert als Vorsitzende der GEW Frankfurt hervor, dass die Politik, statt das Geld in Rüstung zu stecken, aktuelle Probleme um Armut und Langzeitarbeitslosigkeit und die Verbesserung der Bildung angehen müsse. Bossert ließ ihre Ansprache durch gut sichtbare Grafiktafeln verdeutlichen, die ein Helfer passend zum Vortrag nach oben hielt – „Powerpoint“ in analog, so würden Vortragsexperten die jedenfalls originelle Form der Präsentation womöglich bezeichnen.

Originell, oder, wenn man so will, auch ein wenig skurril, und jedenfalls ein bisschen an die Zeit der 70er erinnernd, erwies sich die Beteiligung einer „Agitprop“-Gruppe aus Frankfurt. Die gehörte zwar nicht zum offiziellen Programm, brachte aber mit ihren auf Schalmeien dargebrachten Arbeiterliedern, punktgenau aus dem Publikum heraus zwischen die Programmpunkte gesetzt, so manche Teilnehmer zum Schmunzeln. Am Rande der Veranstaltung war zu hören, dass es auch in Erlensee eine Gesangsgruppe geben soll, die die Tradition des Singens von Arbeiterliedern wiederbeleben will.

Die Ostermärsche werden seit den 50er und frühen 60er Jahren von den pazifistischen Motiven der Friedensbewegung getragen. Veranstaltet werden seither, wie auch diesmal wieder in Bruchköbel, Demonstrationen und Kundgebungen. Ursprünglich starteten britische Atomwaffengegner die Kampagne. Einen zeitweise großen Aufschwung erlebte sie in den frühen 80er Jahren, als es im damaligen Westdeutschland zu großen Demos gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen kam. Zu der Veranstaltung in Bruchköbel hatte wieder ein buntes Bündnis aufgerufen: die Hanauer Friedensplattform, der DGB, Pax Christ, der VVN und der Verband Naturfreunde. Der Besuch erschien im Vergleich zu den letzten Jahren leicht gestiegen. Wohl über 200 Personen drängten sich an diesem kühlen Freitagnachmittag vor der Freilichtbühne. Die meisten marschierten im Anschluss an die Kundgebung dann auch mit auf dem Demonstrationszug, der durch Hauptstraße und Waldseestraße schließlich bis zum Grillgelände an der Dicken Eiche zog. Dort ließ man den Tag bei Würstchen und Getränken mit einem kleinen Fest ausklingen. 

Die Marschroute ist in den letzten Jahren verkürzt worden. In den Anfangsjahren hatte der Zug in Richtung Wald eine tragende, symbolische Bedeutung: Sollen doch hier, auf dem Gelände des Fliegerhorsts, während der Zeit des kalten Krieges unter amerikanischer Hoheit Atomsprengköpfe gelagert gewesen sein – ein Hauptgrund, warum damals Bruchköbel als Auftaktort gewählt worden war. Seit dem Abzug der Amerikaner im Jahr 2007 ist das Gelände bekanntlich in ein Gewerbegebiet umgewandelt worden. Alte Bunker findet man dort immer noch.